Die Oberuferer Weihnachtsspiele

Mitgeteilt von Karl Julius Schröer (in alter Sprachfassung)
Musik von Leopold van der Pals.

Die Oberuferer Weihnachtsspiele bestehen aus dem Paradeis-Spiel, dem Christgeburts-Spiel und dem Dreikönigs-Spiel. Es sind Stücke aus dem 16. Jahrhundert, welche alljährlich von den Oberufern (deutsche Auswanderer in Ungarn) um Weihnachten gespielt wurden. Sie zogen damit von einem Dorf zum andern.Im vorletzten Jahrhundert gerieten sie – wie so vieles – in Vergessenheit, wurden aber anfangs letztes Jahrhundert neu entdeckt und wieder aufgegriffen und vermögen auch heute durch ihre Einfachheit zu fesseln.

Diese Weihnachtsspiele können in ihrer gemütsvollen Weise gerade uns Menschen – Erwachsene wie auch Kinder – zum Weihnachtsgeheimnis führen.

 

Hintergrundwissen zu den Oberuferer Spielen

Oberuferer Christgeburtsspiel

Das Oberuferer Christgeburtsspiel ist Teil einer Trilogie. Den Anfang der Trilogie macht das Paradeisspiel mit dem Verlust des Paradieses, der Beginn der Absonderung des Menschen von der geistigen Welt. Im anschließenden Christgeburtsspiel erleben wir ein Hirtenspiel - Christi Geburt als freudiges Ereignis. Der Beginn des Weges, uns wieder mit der geistigen Welt zu verbinden. Den Abschluss bildet das Dreikönigspiel zum Dreikönigstag mit der Anbetung durch die Könige und der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten. Dieses findet am 08.01.2012 um 17.00 Uhr ebenfalls in der alten Mühle statt, und ist für Kinder erst ab der 4. Klasse geeignet.

Oberufer war ein Dorf auf der Donauinsel Schütt in der Nähe von Preßburg (Bratislava). Die Wurzeln der "Oberuferer Weihnachtsspiele" reichen jedoch zurück bis ins 13. und 14. Jahrhundert, als arme Bauern am Oberrhein, in der Schweiz und im Elsaß, zum Weihnachtsfest die Christgeburt in Form von Spielaufführungen feierten. Von dort aus wanderten im 15. Jahrhundert viele Menschen an der Donau entlang nach Osten bis fast nach Budapest, wo sie sich auch in der so genannten Oberuferer Region niederließen. Ihr Weihnachtsspiel nahmen sie mit, und mehr als 300 Jahre lang wurde es ausschließlich mündlich von Generation zu Generation überliefert.

So wurden sie noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein in der Gegend von Pressburg (Bratislava), im ungarischen Bergland, alljährlich von Bauernburschen aus Oberufer einstudiert und aufgeführt. In einer Gegend also, in der damals deutsche Sprachinseln existierten und ein deutscher, an das Bayerische erinnernder Dialekt gesprochen wurde (die Region war Teil der Wiener KuK-Monarchie).

Alljährlich wurden die Spiele im Dorf und in der Umgebung aufgeführt. Nach der Weinernte suchte sich der Lehrmeister aus den Burschen des Dorfes die Spieler aus. Auch weibliche Rollen wurden von Männern gespielt. Sie mussten während der Spielzeit einen Lebenswandel führen, der dem Ernst der Sache angemessen war. Katholiken und Protestanten nahmen an den Spielen aktiv und als Zuschauer teil.

Das im Vergleich zu den vielen anderen Weihnachts- und Krippenspielen Einmalige an den Oberuferer Stücken ist ihre Ursprünglichkeit, ihre Unverfälschtheit, die darauf zurückgeführt wird, dass sich viele volkstümliche Traditionen in einer vergleichsweise wenig entwickelten Gegend besser erhielten als in den grossen deutschsprachigen Gebieten. Und es lag vielleicht auch daran, dass die dörfliche "Intelligenz", vor allem also Lehrer, Pfarrer und die übrige "Obrigkeit", den Spielen meist reserviert bis ablehnend gegenüber stand – es waren und blieben Spiele von Bauern für Bauern.

Das Amt des so genannten Lehrmeisters, der auch die Texte, die Kostüme und Requisiten bewahrte, wurde oft vom Vater auf den Sohn vererbt. Geprobt wurde fast täglich und die Gemeinschaft der Spieler - auch "die Kumpanei" genannt - hatte sich während dieser ganzen Zeit strengen Regeln zu unterwerfen. So durften die Burschen von der ersten Probe bis zur letzten Aufführung "nicht zu Mädchen gehen", keine "Schelmenlieder singen" und mussten überhaupt "ein ehrsames Leben" führen. Am ersten Advent begannen dann die Spiele und von nun an bis zum Dreikönigstag zog die Kumpanei an jedem Sonn- und Feiertag in ein anderes Dorf, um dort, meist im Gasthaus, ihre Spiele zu zeigen - an jedem Mittwoch gab es eine Extra-Aufführung "zur Übung". Die Zuschauer saßen auf Bänken an drei Wänden der Gaststube. Gespielt wurde in der Mitte des Raumes – Paradeisspiel, Christgeburtspiel und Dreikönigspiel hintereinander. Oft wurden die Spiele sogar mehrere Male wiederholt, bis auch die letzten Zuschauer gegangen waren. Wie ernst dabei der Kumpanei ihre Spiele waren, erkennt man schon daran, dass sie ohne zu spielen weiterzog, wenn in einem Dorf gerade "weltliche" Musik gespielt wurde ...

Die Weihnachtsspiele wurden vor ungefähr einhundertfünfzig Jahren von dem Sprachforscher Karl Julius aus Wien Schröer (1825-1900) "entdeckt". Er schrieb alles so auf, wie er es von den Bauern hörte. Jahre später erzählte er seinem Freund

Rudolf Steiner, begeistert von den Aufführungen, die er selbst miterlebt hatte. Rudolf Steiner seinerseits organisierte erstmals im Jahr 1910 in Berlin eine Aufführung und ließ das Stück ab 1911 von einem Kreis Wiener Freunde spielen. Im Jahr 1921 wurde es auch in der ersten Waldorfschule in Stuttgart aufgeführt.

Die heute gespielte Musik allerdings entspricht nicht mehr dem Original, sie wurde auf Bitten Rudolf Steiners durch Leopold van der Pals etwa um 1910 herum neu komponiert. Dabei wurden viele Weihnachtslieder des 16. und frühen 17. Jahrhunderts einbezogen. All das ist sicher mit eine Erklärung dafür, dass die Oberuferer Weihnachtsspiele auch heute noch eine ganz besondere Atmosphäre ausstrahlen - eine unvergleichliche Mischung aus einfachem, herzlichem Humor und einer tief empfundenen, schlichten Frömmigkeit und Innigkeit, ohne dabei jemals sentimental zu wirken.

 

Oberuferer Dreikönigsspiel

Das Dreikönigsspiel erzählt die Geschichte der drei morgenländischen Weisen, die der Stern nach Bethlehem zum neu geborenen Jesuskind führt. Es versetzt uns aber auch mitten ins politische Geschehen. Auf der Bühne sehen wir die Mächtigen mit ihren Ratgebern und Bediensteten, den Gelehrten und dem Militär. Wir blicken auf die Sorgen der Regenten. Der Raum der Handlung erschöpft sich aber nicht mit deren Tun und Lassen; vielmehr erleben wir durch das Spiel die Polarität von Engel und Teufel. Sie sind es, die die Handlung vorantreiben. Sie sind die eigentlichen Führungskräfte. Wir erfahren wohin es führt, wenn im Gebiet des Denkens Missbrauch getrieben wird. Wer geistverlassen wie Herodes in seiner Angst nach Hilfe ruft: "...wer hülfet mir?", dem antwortet der Teufel. Zu jedem Fragenden gesellt sich der passende Ratgeber.

Novalis sagt: «Welcher Geist ruft, ein solcher erscheint.»

Die Dreikönigs-Kumpanei Solothurn-Langenthal stellt sich mit ihrem Spiel in den Dienst einer religiösen und kulturgeschichtlichen Tradition.

Ein königlicher Auftakt zum Jahresanfang!

Für Kinder erst ab der 4. Klasse geeignet.

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